Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog

Die kritische Seite, der Kriegseintritt der USA 1917

Veröffentlicht am von Gerald Tauber

Columbia calls--Enlist now for U.S. Army, 1916 Quelle: Libary of the Congress

Columbia calls--Enlist now for U.S. Army, 1916 Quelle: Libary of the Congress

Ich habe mir heute den Artikel Der Kriegseintritt der USA 1917 von Ernst Wolf durchgelesen, ein ehrlich gesagt enttäuschender Artikel. Kernaussage des Artikels ist meiner Meinung nach, die USA hielten den ersten Weltkrieg an kochen zum Wohle der Wall Street. Naja das hat schon etwas Geschmäckle, wie der Schwabe sagen würde, und geht in die Richtung in den USA hat das Finanzkapital die Macht inne und ohne die USA hätte man vielleicht den Ersten Weltkrieg auch gewonnen. Immerhin finanzierten die US-Banken Warenkäufe der Alliierten Frankreich, Italien, Großbritannien und Russland in den USA. Meines Erachtens ist diese These so alt wie der Erste Weltkrieg selber und beleuchtet nur einen sehr kleinen Teil der Geschehnisse. Eine weitere recht sehr populäre These die Ernst Wolf im Artikel anreist ist die das es sich beim Ersten Weltkrieg um eine Auseinandersetzung Deutschlands und der USA gehandelt hätte. So gesehen wären die Entente-Mächte bis 1917 Marionetten der USA gewesen, gesteuert vom diabolischen Mastermind Wall Street. Wer oder Was dieses Ideenkonstrukt Wall Street ist bleibt dabei vollkommen unklar.

Vielleicht hätte er Ross und Reiter nennen sollen, immerhin vergab die Bank J.P. Morgan im August 1914 einen 100 Mio. Dollar Kredit an Frankreich. Klingt viel, ist es auch, aber wenn man bedenkt das die erste Woche des ersten Weltkriegs das Deutsche Reich ca. 750 Mio. Reichsmark kostete dürfte der Betrag in Frankreich ähnlich hoch gewesen sein. Auch ist die Finanzierung des Krieges in den daran beteiligten Staaten ähnlich, wenn auch in der Zeitlinie unterschiedlich. Großbritannien zum Beispiel besteuerte Kriegsgewinne und erhöhte die allgemeinen Steuern, finanzierte somit seine Kriegsanstengungen. Das Kaiserreich Österreich Ungarn finanzierte den Krieg durch Kriegsanleihen und beschaffte sich Geld bei seiner eignen Notenbank, immerhin finanzierte die K&K Monarchie den Krieg zu 60% über Kriegsanleihen was 53,98 Mrd. Kronen entsprach. Das deutsche Kaiserreich beschaffte sich bis 1918 durch Kriegsanleihen 98 Mrd. Reichmark, was ebenfalls 60% der Kriegsausgaben von 156 Mrd. Reichsmark entsprach. Die USA finanzierten ihre Kriegsanstrengungen zu zwei Drittel über Liberty Bonds, was 17 Mrd. US-Dollar entsprach. Aber eines stimmt schon, die Banken aller Kriegsparteien profitierten vom Krieg, sie finanzierten immerhin die Rüstungsproduktion. Wenn man sich überlegt das in der K&K Monarchie 1914 150.000 Gewehre produziert wurde, waren es 1916 bereits 1,2 Mio., plus vier Millionen Schuss Munition und die dann täglich. Eine enorme Ausweitung der Produktion und die muss vorfinanziert werden. Banken finanzierten im Deutschen Reich zum Beispiel ab 1917 die Rüstungsproduktion, in dem sie Kredite an Industrienunternehmen vergaben. Aber bleiben wir einmal bei der Bank J.P. Morgan, deren Einfluss auf die US-Regierung resultierte auch darauf das sie ab 1915 der zentralen Einkaufsagent Großbritanniens in den USA wurde, die Bank war sozusagen direkt am Krieg beteiligt.       

Auch ist es recht praktisch den ersten Weltkrieg als Machtkampf zwischen Deutschland und den USA zu verstehen, was immerhin bedeutet das man die Entente-Mächte Europas außen vor lässt. Man könnte es auch so sehen, der Erste Weltkrieg war ein globaler Wirtschaftskrieg und da waren Großbritannien, Frankreich und Russland wohl eindeutig im Vorteil allein durch die Größe ihrer Kolonialreiche. Was eigentlich viel wichtiger ist, die Staaten der Entente konnten den Zugang zu ihren Kolonien sichern, während Deutschland den Zugang zu seinen Kolonien verlor. Klammert man diesen Umstand aus, wie Ernst Wolf es tut, reduziert man die Komplexität der damaligen Geschehnisse. Man könnte auch sagen der Autor konstruiert ein Machtspiel Deutschland versus USA bzw. Wall Street und der Autor vergisst ganz nebenbei zu erwähnen das man die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg immerhin die Epoche des Kolonialismus und Imperialismus nannte, gestützt wurde dieser vom europäischen Nationalismus und Chauvinismus

Wake up America! Civilization calls every man, woman and child! von James Montgomery Flagg 1917 Quelle: Libary of the Congress

Wake up America! Civilization calls every man, woman and child! von James Montgomery Flagg 1917 Quelle: Libary of the Congress

Viele am Ersten Weltkrieg beteiligten Staaten haben vor 1914 riesige Kolonialreiche aufgebaut, Frankreich und Großbritannien eroberten Ende des 19. Jahrhunderts nahezu zu je einem Drittel den afrikanischen Kontinent, Deutschland hatte allein in Afrika überseeische Besitzungen die die Größe des Mutterlandes um ein vielfaches überstieg, Russland hatte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Zentralasien unter seine Kontrolle gebracht und schickte sich an seinen Einfluss in Ostasien zu erweitern und kollidierte zwangsläufig mit Japan. Japan wiederum wurde im Harris-Abkommen 1859 durch die USA gezwungen seine Abschottungspolitik endgültig aufzugeben, was direkt zum japanischen Imperialismus des 20. Jahrhunderts führte. Die USA kolonisierten im 19. Jahrhundert den heutigen Westen des Landes, eroberten 1898/99 Kuba, Puerto Rico und die Philippinen und weiteten ihren Einfluss auf Latein-Amerika im Laufe des 19. Jahrhunderts der Art aus das diese Länder eine Quasi-Kolonie der Vereinigten Staaten wurden. Diese kurze Auflistung zeigt eines, alle führenden Kolonialmächte konkurrierten um Absatzmärkte, Einflusssphären und Ressourcen, was auch ein Kennzeichen des Zeitalters des Imperialismus war.  

Ich finde es zwar richtig die aggressive US-Außenpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts auch so zu benennen, aber die Einseitigkeit mit der Ernst Wolf nur auf die USA und Wall Street im Kontext des Ersten Weltkrieges zu zeigen ist gehörig daneben. Weder haben Wall Street oder die USA Sicherheitsgarantien gegenüber Serbien und Belgien abgegeben, noch hat die USA oder Wall Street im Namen des deutschen Volkes am 1. August 1914 dem zaristischen Russland den Krieg erklärt. Nein die kausale Kette die zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Europa führte wurde von den europäischen Großmächten selber gelegt. Genauso selten dämlich halte ich die These von Christopher Clark, nach der alle Beteiligten irgendwie und ohne es zu wollen in den Ersten Weltkrieg hinein geschlittert sind. Nein der Erste Weltkrieg wurde nicht durch die imperialen Ambitionen der europäischen Großmächte in Übersee ausgelöst, unter Historikern gilt eigentlich das die Großmachtträume des wilhelminischen Kaiserreiches, die Nationalitätenpolitik der K&K Monarchie, das Ringen Österreich-Ungarns und Russlands um die Ukraine, die Rivalität unter den Balkanstaaten, der Drang Russlands um einen freien Zugang zum Mittelmeer und die Balkankriege von 1912/13, Frankreichs Pläne die sogenannte nationale Schmach von 1870/71 zu tilgen, Großbritanniens Pläne die deutschen Großmachtambitionen einzudämmen, der allgemeine Rüstungswettlauf der europäische Nationen im Vorfeld des Ersten Weltkrieges untereinander. Wer hat das tollste Heer und die größte Marine, diese Konkurrenz untereinander war doch gar nicht zu übersehen. Ebenso ist die Bündnispolitik der europäischen Nationen bekannt, die Rivalität zwischen den Staaten der Triple Entente und den Mittelmächten. All das waren die auslösenden Gründe für den Ersten Weltkrieg und viel entscheidender die politische Führung aller beteiligten europäischen Nationen wollten einen Krieg, nur wollte man keinen industriell geführten Krieg und schon gar keinen zwischen der Triple Entente und den Mittelmächten. Darauf bezieht sich die Schlafwandlertheorie von Christopher Clark, die ich persönlich wenig überzeugend finde. 

Was mich ebenso an Ernst Wolfs Artikel genauso stört ist diese Einstreuung: 

Dass die Kampagne ein Erfolg wurde, lag vor allem am niedrigen Bildungsniveau vieler Einwanderer, deren oft schwierige soziale Lage sie für simple Parolen und ein leicht verständliches Feindbild empfänglich machte. Hunderttausende arbeitslose junge Männer traten der Armee bei, da sie sich in ihren Rängen eine bessere Zukunft erhofften. Einige zehntausend von ihnen fanden auf den europäischen Schlachtfeldern den Tod.

Ernst Wolf

Ach so, also was der Bildungsbürger von Migranten wohl halten möge, ehrlich gesagt ein alt her gebrachter Hut. Migranten werden nicht nur zu einem Sündenbock für die Massenaushebung von Soldaten deklariert, nein Ernst Wolf erklärt sie zu geistig minder bemittelnden Bürger zweiter Klasse. Nimmt man das Augusterlebnis im Deutschen Reich zum Vergleich wird klar warum das so nicht ganz richtig sein kann. Thomas Mann befürwortete einen Krieg genauso wie eine Käthe Kollwitz die Kriegsanleihen befürwortete, genauso wie ein Erich Mühsam im August 1914 zu den Hurrapatrioten gehörte, obwohl er Arnachist war. Alle drei realisierten den Irrsinn des Krieges erst später und dieses zeigt das die Intelligenzia und die wirtschaftlich besser gestellten genauso empfänglich für die Propaganda für einen Krieg waren und auch sind. Das obwohl Wilhelm Lamszus 1912 ein Werk vom kommenden Kriege veröffentlichte oder Jan Blochs Werk den Krieg überwinden für jedermann zugänglich war. Selbst Zar Nicolaus II. empfing 1898 Jan Bloch um sich über die Auswirkungen eines modernen Krieges auf Staat und Gesellschaft erläutern zu lassen. Das eigentlich pikante an dieser Audienz war das Jan Bloch den Untergang des Zarenreiches im Falle eines modernen Krieges vorausahnte. Während der russischen Revolution 1905-07, die in Folge des japanisch-russischen Krieges ausbrach, behielt das Zarenregime nur knapp die Oberhand, 1917 brach das Zarenregime in Folge des Ersten Weltkrieges in sich zusammen, genauso wie das wilhelminische Kaiserreich 1918 und die K&K Doppelmonarchie 1918/19 untergingen. Man war also gewarnt, doch all diese Warnungen halfen nichts. Ich glaube ein österreichischer Philosoph beschrieb die Zeit vor dem ersten Weltkrieg als die Zeit in der sich der Nationalismus wie eine Grippewelle in den Köpfen der Menschen festsetzte.    

Aber nochmal zum Migrantenbashing zurück, im Jahre 2010 operierte ein gewisser Thilo Sarrazin mit dem gleichen Argument gegen Migranten und das brachte ihm eine Millionenauflage. Naja das angeblich niedrigere Bildungsniveau von Migranten ist eben eine Allzweckwaffe in den Händen von konservativen Eliten, traurig aber wahr. 

Ganz unterschwellig formuliert Ernst Wolf in seinem Artikel eben auch die Aussage, Deutschland hatte keinen Grund einen Krieg zu beginnen und den ewig gestrigen wird signalisiert das Finanzjudentum hat unseren Sieg verhindert.     

Kommentiere diesen Post