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ein Koloss auf tönernen Füßen

Veröffentlicht am von Gerald Tauber

Der kranke Mann von Bospous Quelle: Janson-Karikatur.de
Der kranke Mann von Bospous Quelle: Janson-Karikatur.de

Ich glaube den Spruch kennt jeder oder? Der verstorbene Peter Scholl-Latour nutzte den Spruch für einen Buchtitel. Indem er die US-amerikanische Hegemonialpolitik mit ihren Kriegen in Afghanistan und Irak, aber auch das spannungsgeladene Verhältnis zwischen USA, Nordkorea, China, Iran aus seiner Sicht beschrieb. Aus heutiger Sicht wohl nicht ganz zutreffend aber interessant war es doch zu lesen. Aber in Bezug auf krisenhafte Situationen speziell in diesem Jahr zu Russland/Ukraine-Konflikt, aber auch früher auf die frühere Sowjetunion, wurde der Spruch seit langem zum geflügelten Spruch. Nimmt man die antikommunistische Agitation während des Dritten Reiches kommt im direkten Vorlauf des Unternehmens Barbarossa vermehrt zum Ausspruch des Kolosses auf tönernen Füßen in Berührung. Adolf Hitler selber schrieb in "Mein Kampf": "das Riesenreich im Osten sei reif zum Zusammenbruch", und er unterlegte dies antisemitisch: "Das Ende der Judenherrschaft" dort werde auch "das Ende Russlands als Staat" bedeuten. Die deutschen Nationalsozialisten prägten im übrigen den Begriff "Jüdischer Bolschewismus" und warnten vor der "jüdisch-bolschewistischen Bedrohung Europas". Diese Begriffe stammten ursprünglich aus der Endzeit des zaristischen Russlands und beruhten auf den Antisemitischen Vorstellungen der unterlegenen Weißen Truppen und konnten dem entsprechend instrumentalisiert werden, der Nazi-Chefideologe Rosenberg tat sich in seinen Publikationen in den 1920er Jahren besonders hervor. Aber auch ein Winston Churchill war ein Anhänger dieser Weltverschwörungstheorie, wie sich aus einer Publikation im Illustrated Sunday Herald, vom 8. Februar im Jahre 1920 herauslesen lässt. In ZIONISM versus BOLSHEVISM behauptete er: This movement among the Jews is not new. From the days of Spartacus-Weishaupt to those of Karl Marx, and down to Trotsky (Russia), Bela Kun (Hungary), Rosa Luxembourg (Germany), and Emma Goldman (United States), this world-wide conspiracy for the overthrow of civilisation and for the reconstitution of society on the basis of arrested development, of envious malevolence, and impossible equality, has been steadily growing.(1)

In Bezug auf die heutigen Bedrohungsszenarien die von Russland ausgehen sollen ist es interessant ein Blick in das Jahr 1919 zu nehmen, damals lag Polen mit der Sowjetunion im Krieg. In Polen kamen, befördert durch diesen polnisch-sowjetischen Krieg in den Jahren 1919/20, die Begriffe Żydokomuna (Judäo-Kommune) und komisarz żydowski (jüdischer Kommissar) zu besonderer Popularität, und auch der Begriff bolszewizm żydowski (jüdischer Bolschewismus) scheint ebenso bereits bekannt gewesen zu sein, denn es beschreib in erster Linie ein Feindbild. Illustriert wird nämlich eine Form Antichrist, wenn man die Karikaturen der damaligen Zeit ansieht findet man sehr häufig Leo Trotzki als Roter Teufel, der rote Stern als Pentagramm und die Rote Armee als wilde Horde aus dem Osten kommend, die alles zermalmend, vergewaltigend und niederbrennend durch die Lande zieht. Selbstverständlich wurde der Rotarmist mit einem Davidstern am Arm dargestellt. Diese Anleihen aus dem Mongolensturm sind dabei eigentlich nicht zu übersehen, aber wirken anscheinend bis heute in den konservativen Kreisen des Baltikum und Polens in besonders ausdrücklicher Form nach, nämlich als Verschwörungstheorie. In diese Verschwörungstheorie mit eingebettet findet man all zu häufig den Koloss auf tönernen Füßen wieder. Die Sowjetunion außen stark, doch innen hohl, ohne Substanz, ohne Konsistenz. Verschwörungstheorien wie die oben skizzierte haben ein Kennzeichen, nämlich das Phänomen der Komplexitätsreduktion.

Diese Fiktionen, die nicht umsonst auch als Meistererzählungen in unsere Alltagskultur eingebettet sind entstanden bekanntlich nicht erst im 20. Jahrhundert und sind teilweise heute noch sehr populär. Sie versuchen, komplexe, als Missstand wahrgenommene Zusammenhänge eindimensional durch Machenschaften einer Gruppe von "Verschwörern" zu erklären, siehe Theorien zu 9/11, Mondlandung usw.. Mindestens genauso wichtig und – wie hier unterstrichen werden soll – nicht weniger wirksam als die Textbotschaften, die solche Szenarien begleiteten, ist immer die dazugehörige Visualisierung. Jeder kennt doch den Film Loose Change der meiner Meinung nach eine sehr vereinfachte Darstellung der Geschehnisse rund um den Terroranschlag auf das World Trade Center anbietet und so sehr populär wurde. Die Visualisierung bei diesem Streifen ist beeindruckend, jedoch werden Physik, menschlichen Reaktionen außer Acht gelassen und systemische Abläufe in einer Art Idealzustand dargestellt. Auch schwingt in diesem Film das Unverständnis unterschwellig mit, das man wohl den größten Rüstungs- und Sicherheitshaushalt hat, jedoch nicht 19 Araber mit dieser Militär- und Geheimdienstmacht aufhalten konnte. Dabei fiel der amerikanische Sicherheitsapparat über seine eignen Füße, in dieser Betrachtung waren die USA in diesen Fall wahrlich ein Koloss auf tönernen Füßen.

Der Ausspruch selber stammt wohl aus der Bibel, besser gesagt dem Alten Testament (Daniel 2:31-34). In diesem Abschnitt wird ein Koloss beschrieben, der auf "tönernen Füßen" steht, so dass sein eigenes Gewicht ausreicht, diese zum Bersten zu bringen. Daniel legt den Traum Nebukadnezars von den vier Weltreichen und dem ewigen Reiche Gottes aus und sagt unter anderem: "Du, König, sähest, und siehe, ein großes und hohes und sehr glänzendes Bild stand vor dir, das war schrecklich anzusehen. Des Bildes Haupt war von feinem Golde, seine Brust und Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Erz, seine Schenkel waren Eisen, seine Füße waren eines Teils Eisen und eines Teils Ton. Solches sähest du, bis dass ein Stein herabgerissen ward ohne Hände; der schlug das Bild an seine Füße, die Eisen und Ton waren, und zermalmte sie."(2)

Im 19. Jahrhundert wandte man propagandistisch dieses Abbild der Schwäche auf das zaristische Russland und dem Osmanische Reich an. Bei letzteren überwiegt jedoch die rhetorische Allegorie vom "Kranken Mann am Bosporus", den der russische Zar Nikolaus I. prägte im Jahr 1852, bevor es zum Krimkrieg 1953 kam. Selbstverständlich gab es wohl auch den Kranken Mann Asiens, China wurde um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert so bezeichnet und war auch eine rhetorische Reaktion auf den Boxeraufstand und dessen Niederschlagung durch Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und die USA. In der Summa wird im politischen Sprachgebrauch ein mit inneren Problemen beladener Staat bezeichnet, zu dessen "Heilung" dringend Reformen diagnostiziert und als Therapie empfohlen werden. In der Geschichte diente dies oft anderen Staaten oder Staatengruppen als Vorwand, einem solchen Staat diese heilsame Reformen gleichsam aufzuzwingen, siehe zum Beispiel Griechenland ab 2009 oder wie wir in Afghanistan oder Irak gesehen haben, ein gewaltsamer von außen aufgezwungener Systemwechsel propagiert wird.

Der Koloss auf tönernen Füßen hat dem nach eine lange Tradition und auch einige interessante Ableger mit der Zeit entwickelt. Nimmt man zum Beispiel die Revolutions- und napoleonischen Kriege zwischen 1789 und 1809 so Stritt für die Franzosen eine ungeheure ideologische und moralische Macht; wirksamer als die Waffen der ungeübten, disziplinlosen, verlumpten Revolutionsheere, es war wohl der Gedanke von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Der Sieg der Revolution in Frankreich bedeutete auch ein Sieg dieser Idee und vor dieser Idee sanken Staaten in Trümmer, deren Zusammenbruch die Weltordnung zur damaligen Zeit geradezu aufzuheben schien! Kaisertum und Papsttum, Einrichtungen, deren ein Jahrtausend langer Bestand scheinbar ewige Dauer verbürgte, stürzten wie Kolosse auf tönernen Füßen und begruben alles unter sich, was noch vom europäischen Mittelalter übrig war, die Adelsrepublik Venedig, den Ritterorden von Malta, Königreich Preußen und das heilige römische Reich deutscher Nation. Ab 1809 wurde jedoch der napoleonischen Ordnung Europas und dem revolutionären Gedanken von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit ein jähes Ende bereitet. Napoleon selber höhlte die Ideale der Revolution vollkommen aus, durch seine ewigen Kriege und damit einhergehend seiner Gewaltherrschaft. Diese laugten die Länder Europas aus, dezimierten seine Bevölkerung und unterminierten somit die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, so das die Idee vom Vaterland und nationaler Einigkeit in dieser Zeit geboren und beschworen wurde und die Ideale der Revolution komplett verdrängten. Das Ideal der Revolution war nun selber zum Koloss auf tönernen Füßen geworden und damit brach auch die Macht des napoleonischen Frankreich von 1812-1815 in sich zusammen.

In der Summa muss man wohl sagen der Koloss auf tönernen Füßen illustriert wohl eine propagandistische Wortwahl, in der eine vermeintliche eigne Stärke und dem Widerpart eine vermeintliche Schwäche unterstellt. Ob dem so ist muss man jedoch im Einzelfall hinterfragen, denn Kolosse auf tönernen Füßen gab es wohl in der Vergangenheit in einer erstaunlichen Bandbreite. Man kann es auch als eine Metapher auf den Aufstieg und Untergang sehen, ob dem so ist sollte anhand von Fakten belegt werden, nur in unserer reichlich komplexen Welt werden gerne Fiktionen für Realität gehalten.

(1)http://web.archive.org/web/20110721173410/http://www.sovereignty.org.uk/siteinfo/newsround/zvb/zvb1.html

(2) http://biblia.com/bible/kjv1900/Da2.31-34

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