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Alle Jahre wieder

Veröffentlicht am von Gerald Tauber

Alle Jahre wieder hören wir davon: Das Boot ist voll, die Rente ist nicht sicher, Sozialleistungen sind zu hoch, der Staat geht pleite. Vor allem es sind immer wieder die selben Leute die da sprechen. Nun gut es sei ihnen gestattet, denn wir haben bekanntlich Pressefreiheit, aber was man liest ist im Grunde genommen immer der selbige Aufguss. Die Stoßrichtung ist indes immer klar, denn es geht um immer um den Abbau von Sozialleistungen und diese werden mit volkswirtschaftlichen Rechnungen, in denen die Demographie und Migration eine besondere Rolle spielt, begründet. Vor allem in Zeiten in denen Bürger auf die Straße gehen und gegen die Migration demonstrieren eine wirklich interessante Debatte die allerdings etwas monoton auch wirkt. Immerhin werden im Grunde genommen immer die selben Argumente hervorgekramt.

Nimmt man einmal den Gründer und gleichzeitiger Chef des Ifo-Institutes Professor Hans Werner Sinn:

- Dieser behauptete erst letztens dass Migranten den deutschen Staat pro Kopf 1450 Euro im Jahr kosten(1)

- hat vor einem Zusammenbruch der Rentenkassen durch die Überalterung der Gesellschaft gewarnt.(2)

- brachte ein Buch heraus unter dem Titel: >>Deutschland steht vor einer Staatskrise<<(3)

So das war nur ein Auszug dessen was Hans-Werner Sinn allein im letzten Quartal 2014 an Schlagzeilen produzierte und Prof. Sinn ist der meistzitierte Ökonom in den Medien, so ein Ranking der FAZ. Besonders interessant er sagt von sich selber: >>Ich bin als politischer Ökonom angetreten, die Welt zu verbessern<<. Na gut was er unter verbessern versteht sei mal dahin gestellt, denn all seine schönen Veröffentlichungen haben eines gemeinsam und lassen sich auf einen Tenor reduzieren: Es geht bergab.

Nimmt man nur einmal die These zu den Migranten. also das diese dem deutschen Staat 1450 Euro netto im Jahr kosten, so erkennt doch jeder es handelt sich um ein Pauschalurteil. Dieses Pauschalurteil gründet sich auf einer Kosten/Nutzenverhältnis-Analyse bzw. leitet sich von diesem ab. Nimmt man zum Beispiel einen ganz anderen Bereich nämlich den Hochwasserschutz so erkennt jeder dieser kostet erst einmal, denn einen betriebswirtschaftlichen Nutzen hat der Hochwasserschutz direkt nicht, man kann ihn auch nicht mit einer betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analyse fassbar machen. Denn wenn es um die Bewertung des Nutzens eines Flussgebietes zum Beispiel geht, spricht man in der volkswirtschaftlichen Betrachtung von direkten und indirekten Nutzungswerten. Vor allem letztere spielen in der betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analyse keine Rolle, da sie keinen direkt wahrnehmbaren Effekt in der Bilanz darstellen. Die Ermittlung des Wertes der sogenannten nicht-marktfähigen Güter ist aber unabdingbar, will man den Gesamtnutzen eines Flusssystems bewerten und damit auch die Kosten für den Hochwasserschutz zu rechtfertigen. Nimmt man einen ganz anderen Teil der Gesellschaftlichen Kosten wird eigentlich auch deutlich worauf ich hinaus will, hierzu greife ich einmal den Bildungsbereich heraus. Wie jeder weis kostet Bildung erst einmal, immerhin wird die Zeit in der wir bilden immer länger, will ich jedoch das ganze in ein Kosten-Nutzen-Verhältnis setzen wird es schwierig, denn es kommt immer darauf an welchen Berechnungsmodell ich folge und welche Werte ich zur Berechnung überhaupt zu Grunde lege, das heißt ebenso aus welcher Perspektive ich die Gesamtbetrachtung des Systems an sich erstelle. Da gibt es unter vielen anderen die Mehrebenenanalytische Kosten-Wirksamkeitsanalyse, die reduzierte Kosten-Nutzen-Analyse und die erweiterte Kosten-Nutzen-Analyse. Meines Wissens nach ist der Ertragsratenansatz das gebräuchlichste Verfahren um Bildungsmaßnahmen in ihrer externen Effizienz zu beurteilen. Die theoretische Rüstzeug liefert dabei die Humankapitaltheorie. Bildungsaufwendungen werden danach als Investitionen betrachtet, die im späteren Arbeitsleben – als Ergebnis der bildungsbewirkten Erhöhung der Arbeitsproduktivität - einen Ertrag in Form höherer Erwerbseinkommen liefern. Durch Gegenüberstellung des Gegenwartswertes von Erträgen (Lebenseinkommensdifferenzen) und Kosten lässt sich dann wie bei Sachkapitalinvestitionen die Rendite berechnen. Dies kann aus individueller und gesellschaftlicher Perspektive erfolgen. Das Problem dabei ist aus individueller Sicht kann ich immer erst im Nachhinein die Effizienz der erhaltenen Bildung bewerten, aus gesellschaftlicher Sicht benötigt man dann Statistiken über die Einkommensentwicklung ganzer Bevölkerungsgruppen, um die Effizienz der erhaltenen Bildung zu bewerten. Wie jeder sieht ist es schwierig die Kosten von Bildung nun zu bewerten, die Problematik besteht darin das ich eine Langzeitbetrachtung benötige um die Effizienz von Bildung auf gesellschaftlicher Ebene zu beurteilen. Ähnlich verhält es sich bei der Migration oder Integration, will ich über Erfolg oder Misserfolg reden muss man eigentlich die Zweit-, Dritt- und die vierte Generation von Migranten die man integrieren will mit in die Kalkulation einbeziehen. Ob Hr. Sinn dies gemacht hat? Ich glaube eher nicht, denn die knapp 80.000 € die die Grundlage für seine Kalkulation bilden sind die Kosten die Erstmigranten besser gesagt Asylbewerber mit Aufenthaltsstatus, ohne Arbeitserlaubnis, pro Kopf und Jahr verursachen. Das diese nur einen Teil der heutigen Migranten darstellen sollte man vielleicht lieber dazu sagen.

Nimmt man zum Beispiel Professor Sinns Erstlingswerk Kaltstart aus dem Jahr 1998. In diesem Buch bezweifelte er eine schnelle Erholung der ostdeutschen Bundesländer. Man kann sagen ja das stimmt, nur zur Begründung schrieb er im Grunde als eine Kernthese folgendes:

- zu schnell seien die Ost-Löhne auf Westniveau gehoben worden

Das die Ostlöhne auf Westniveau gestiegen sind mag ja auf die Bundesbeamten auf Bundesebene zutreffen, nur machen die eben auch nur 1% der Gesamtbeschäftigten im Osten aus, der Rest hat bis Heute kein Westniveau erreicht, denn der mittlere Stundenlohn im Osten liegt bei 11,27 Euro und erreichte 2014 damit nur knapp 77 Prozent des Westniveaus(4). Okay die Rentner sind näher dran, aber diese gelten wohl nicht als Lohnempfänger. Wie er bereits auf die Behauptung im Jahre 1998 kommen konnte weis ich zwar auch nicht, aber stichhaltig scheint sie schon damals nicht gewesen zu sein.

Auch die Behauptung das durch die Überalterung der Gesellschaft die Rentenkassen zusammenbrechen werden scheint seit mehr oder weniger 40 Jahren ein Kassenschlager zu sein, mit dem man Aufmerksamkeit erringen möchte. Ein ehrlich gesagt ein alter Hut, denn wir haben jetzt die Rente mit 67 und es wurde fast zeitgleich mit Prof. Sinns Einwurf ein Vorschlag publiziert für eine Rente mit 70, zwar auf freiwilliger Basis, aber immerhin(5). Irgendwie passen die Äußerungen von Prof. Sinn auch nicht wirklich zusammen. In seinem Buch >>Verspielt nicht eure Zukunft<< stellt er folgende Forderung auf:

"Noch stärker als bisher sollte man auf Lohnzuschusselemente setzen. Motto muss sein, dass jeder, der arbeiten will, arbeiten kann und dann – unterstützt durch Lohnzuschüsse – genug zum Leben hat.“

Klingt gut, aber wer zahlt die Lohnzuschusselemente? Selbstverständlich nach Sinn der Staat und das von einem Mann der eine Staatsschuldenkrise heraufziehen sieht und die Steuerlast ebenfalls als zu hoch anprangert. Einerseits beklagt er die hohen Kosten der Migration, dann die Überalterung der Gesellschaft, setzte sich gegen einen gesetzlichen Mindestlohn ein, was nun die Rentenkassen zwangsläufig stärken würde, und sieht gleichzeitig die Rentenkassen am Ende. Im Jahre 2011 gab er sogar sein Wissen über die theoretischen Grundlagen der Atomkraft preis:

"Deutschland sollte jetzt dringend die Erforschung der Kernfusion vorantreiben. Es hat mit seinem Stellerator in Greifswald die Nase vorn, aber es wendet dafür nur ein Sechzigstel der öffentlichen Mittel auf, die die grünen Energien durch die Einspeisesubventionen erhalten. Die Kernfusion gibt konstruktionsbedingt praktisch keine radioaktive Strahlung ab, und sie ist auch nicht mit dem Risiko eines Atomunfalls behaftet."

"Die neuen Druckwasser-Reaktoren von Flamanville und Olkiluoto haben neben einer Vielzahl von redundanten Sicherungssystemen Core-Catcher, mit deren Hilfe sich sogar die Kernschmelze beherrschen lässt."(6)

Und das von einem Akademiker, ist doch echt peinlich oder? Das unter das Thema Kernfusion auch die Wasserstoffbombe fällt und sich eine Kernschmelze sich ganz sicher nicht beherrschen lässt, aufgrund des Aggregatszustandes des Urans, sollte man ihm wahrscheinlich erst einmal sagen. Zum Thema Kernfusion fällt mir eigentlich nur eines ein, Wissenschaftler die zum Thema forschen sagen eigentlich seit 60. Jahren das ein Fusionsreaktor in 40 bis 50 Jahren einsatzbereit sein kann und an den 40 bis 50 Jahren hat sich bis heute nichts geändert.

Aber zusammenfassend lässt sich zu Prof. Sinn eines sagen, der Mann hat Einfluss trotz seiner eher kruden Thesen. Makaber empfinde ich, das das Ifo-Institut zur Hälfte aus Zuwendungen der öffentlichen Hand finanziert wird und Prof. Sinn gerne die jeweiligen Bundesregierungen berät. Darüber hinaus lehrt er Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Sicher viele Menschen werden auch zukünftig an die These von Prof. Sinn glauben: es geht bergab, nur muss man ihn denn deshalb auch ernst nehmen???

(1) http://www.huffingtonpost.de/2015/01/02/hans-werner-sinn-migration_n_6405612.html?utm_hp_ref=germany&ir=Germany

(2)http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/hans-werner-sinn-rente-braeuchte-millionen-migranten-13341272.html

(3)http://www.welt.de/wirtschaft/article133062562/Deutschland-steht-vor-einer-Staatskrise.html

(4) http://www.ksta.de/politik/lohn-niveau-ost-west-gefaelle-auf-dem-gehaltszettel,15187246,28693096.html

(5) http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_72344718/arbeitsmarkt-ba-chef-fuer-freiwillige-rente-mit-70.html

(6)http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/hans-werner-sinn-energiewende-ins-nichts/3998854.html

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