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Lebensmittelspekulation

Veröffentlicht am von Gerald Tauber

Warum steigt der Preis für Weizen an den Börsen und damit auch die Produktpreise beim Bäcker? Dumme Frage, sagt der gelernte Ökonom, weil die Nachfrage nach Weizen zu- und das Angebot abnimmt. Jedoch ist dieses etwas sehr verkürzt auf die Angebot Nachfrage Prinzip dargestellt. Die Preise für die meisten Rohstoffe, darunter auch finden sich auch Orangen, Weizen usw., deren Preise haben seit einigen Jahren sehr wenig mit Angebot und Nachfrageprinzip nach dem physisch vorhandenen Produkt zu tun, sondern mit dem Angebot und der Nachfrage nach Papieren (Derivaten), deren Preis vom Preis des dahinter stehenden Rohstoffes abhängt, der aber wieder von den Derivaten selbst massiv beeinflusst wird.

UNCTAD, die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung in Genf, hat in mehreren Studien nachgewiesen, dass die Preise vieler Rohstoffe seit einigen Jahren eng mit den Preisen für reine Finanzprodukte wie Aktien oder spekulativ gehandelten Währungen zusammenhängen. Es lässt sich zeigen, dass über viele Monate der Preis für Öl, Kupfer oder Soja weitgehend die gleichen Bewegungen aufweist wie der Preis eines umfassenden amerikanischen Aktienindex oder der Währung Brasiliens zum japanischen Yen. Und das gilt mittlerweile, in den Zeiten des Hochfrequenzhandels, für Bewegungen im Minuten- oder sogar Sekundenrhythmus. Solche Gleichförmigkeit der Bewegungen von Preisen, die in Sachen Angebot und Nachfrage auf konkreten physischen Märkten sehr wenig oder nichts miteinander zu tun haben, kann man nur mit der Spekulation auf Derivatemärkten erklären, wo Aktien, Währungen und Rohstoffe jeweils verschiedene Anlageklassen sind, die aber in ähnlicher Weise als riskant eingestuft werden und deswegen im gleichen Tempo und in gleicher Richtung an den Finanzmärkten gehandelt werden. Die Gleichschaltung von Rohstoffen ist nicht erstaunlich, sind doch seit Mitte des letzten Jahrzehnts dreistellige Milliardensummen in diese sogenannten Rohstoffmärkte geflossen und haben, weil in der Regel auf steigende Preise spekuliert wurde und die Preise stetig nach oben getrieben wurden. Erstaunlich ist nur, dass Politiker und die meisten Ökonomen das nicht wahrhaben wollen und mit zum Teil obskuren Argumenten bestreiten, dass es einen solchen Einfluss gibt, oder aber behaupten, diese Summen verbesserten gar die Funktionsweise der Märkte. Besonders beliebt ist das Argument, es müsse doch Absicherungsinstrumente geben, mit denen der Bauer seine Ernte schon vor der Zeit verkaufen könne, und genau das werde von der Spekulation geboten. Genau das ist aber falsch, weil man zeigen kann, dass die Preise auf den sogenannten Zukunftsmärkten, also die, die man dem Bauern zur Absicherung bietet, die tatsächlichen Schwankungen der Preise in keiner Weise vorwegnehmen.

Selbst in den wenigen Fällen, wo sie einmal die richtige Richtung der Preisentwicklung anzeigen, sind die Abweichungen der Zukunftspreise im Verhältnis zu den tatsächlich zu beobachtenden Preise systematisch so groß, dass sie zu einer effektiven Absicherung überhaupt nicht zu gebrauchen sind. All das ficht die Vertreter der reinen Theorie des Marktes nicht an, und wenn die Argumente nicht ausreichen, wird schnell mit dem großen Geld gedroht, das schon dafür sorgen wird, dass die Kritiker der Spekulation früher oder später verstummen und die Politik sich aus diesen Märkten heraushält. Gleichwohl geht kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass die massive »Finanzialisierung« der Rohstoffmärkte dafür gesorgt hat, dass Preise verzerrt werden und zwar meistens nach oben. Physisches Angebot und die Nachfrage nach physischen Produkten werden von so hohen Summen an den Derivatemärkten überlagert, dass man ohne Übertreibung sagen kann, dass an vielen Märkten heute der Preis mit Angebot und Nachfrage im traditionellen Sinne nichts mehr zu tun hat, sondern das Ergebnis von rein finanziellen Anlageentscheidungen ist. Da müssten eigentlich alle guten Marktwirtschaftler und insbesondere die in Deutschland so beliebten Ordnungspolitiker auf die Barrikaden gehen und das sofortige Verbot solcher Verzerrung fordern. Aber da müsste man sich ja mit der »Finanzindustrie« anlegen und wer traut sich das schon?

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